Rafael Leng


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Leseprobe I

Schwert von Wigrid

…………………………………Bragor hatte genug gesehen, er wollte raus aus dem Tempel. Sie mussten zurück nach Åsgard. Dass der nächste Ausgang, den sie entdeckten, auf einen Marktplatz führte, auf dem es besonders intensiv stank, war Bragor egal. Er warf noch einmal einen kurzen Blick auf das Bild der Kröte, das am Eingang prangte, als ein Mönch sie ansprach, „ihr bewundert die geweihten Bilder des heiligen Abzagor?“
„Genau“, antwortete Bragor schnell. Auch wenn er leicht verwundert war. Von einem Abzagor hatte er noch nie gehört. Für ihn war das der Tempel Ragnarök. Aber vielleicht konnte der Mönch ihm erklären, warum man die alten Bilder mit einem riesigen Lurch übermalte.
„Bitte sagt mir heiliger Mann“, fragte er dann auch, „ob mich meine Augen trügen. Denn ich habe den Eindruck als würden die Bilder hier hinter einem Schleier liegen. Oder befanden sich vorher andere Bilder darunter?“
„Der heilige Abzagor bewahre, nein!“, erwiderte der Mönch entsetzt, „aber eure Augen täuschen euch nicht. Die heiligen Dämpfe, die wir hier verbrennen, um Abzagor zu erfreuen, legen sich auf die Bilder nieder und erinnern uns daran, dass alles vergänglich ist. Nur durch Gebete und Fasten erhalten wir die Botschaft des heiligen Abzagor. Deswegen wirken manche Farben frischer als die anderen.“
Ares warf Bragor einen bezeichnenden Blick zu, während der Mönch zu einem Bild eilte und sie aufforderte ihm zu folgen.
„Schaut euch diese heilige Zeichnung an.“
Verzückung lag in der Stimme des Mönches, als Ares und Bragor sich zu ihm gesellt hatten.
„In diesem Bild nehmen die Auserwählten zum ersten Mal die heilige Botschaft wahr“, fuhr der Mönch fort, das Bild zu erklären. Selbst Bragor sah nur eine Kröte mit zu vielen Zähnen, die ihr Maul aufriss, sonst nichts.
Dann führte der Mönch sie zum nächsten Bild, auf dem eine Kröte, mit etwas Undefinierbaren im Maul, dargestellte war. So merkwürdig es Ares auch vorkam, er hatte das Gefühl, die Kröte auf dem Bild würde kauen.
„Hier erklärt der große Abzagor seinen Jüngern die Botschaft“, sagte der Mönch mit verklärter Stimme und führte sie weiter.
Bragor schluckte seinen Ärger herunter und versuchte irgendeinen Sinn in den Bildern zu erkennen, die der Mönch ihnen nun zeigte. Er begann dem Mönch Fragen zu stellen, so wie er es gelernt hatte, rational, nüchtern. Doch entweder konnte dieser die Fragen nicht beantworten oder er wich ihnen aus, besonders jenen Fragen nach anderen Bildern im Tempel. Bragor fragte nach Symbolen in den Gemälden und wollte wissen, warum Abzagor eine Gestalt wählte, die Menschen an ein Wesen aus der Familie der Froschlurche erinnerte. Doch hier hob er Mönch nur die Schultern und sagte, „es ist Abzagor ein Gott. Er wählt die Gestalt, die ihm gefällt.“
„Aber toxisch ist Abzagor nicht“, Ares konnte sich nicht verkneifen die Frage, mit genau dieser Wortwahl zu stellen.
„Du meinst wie der Agafroschlurch, der sein Bufotoxin mehrere Zentimeter weit spritzen kann“, Bragor wusste genau welchen Kröte Ares im Sinn hatte.
Der Mönch schaute beide verwirrt an, er hatte kein Wort von Ares und Bragor verstanden. Auch den Begriff Agafroschlurch hatte er noch nie gehört. Für den Mönch hatte es sich so ähnlich, wie Ackermurch angehört.
„Was ist toxisch“, wollte er dann auch wissen, „und wer ist Ackermurch?“
Dabei bemerkte er nicht einmal, dass er gerade seinen Gott beleidigt hatte. Genau, wie es Ares wollte.
„Eine seltene Lebensform, weit von hier entfernt. Tut nichts zur Sache. Bitte sprecht weiter“, klärte Bragor den Mönch freundlich auf.
Ares wandte sich grinsend ab. Zum einen hatte er es geschafft Bragors Laune etwas zu verbessern. Zum anderen war er froh nicht in Bragors Haut zu stecken und sich diesen Schwachsinn anhören zu müssen, den der Mönch ihnen als Religion darzulegen versuchte. Ares konnte in Ruhe beobachten. Er sah sich die beiden anderen Mönche an, die die Kerzen anzündeten, weil es mittlerweile dunkel geworden war und sowie die anderen Bilder, auf denen die Kröte Abzagor aß.
Er stutzte. Waren dies nicht, Elben, Zwerge und Orks, die die Kröte dort auf dem Bild verspeiste?



Sie gelangten zu einem Bild, auf dem neben Abzagor noch ein riesiger Tintenfisch mit einem mörderischen Schnabel dargestellt war. Ein Blick in Bragors Gesicht zeigte Ares, dass die Qualität der Führung, nach wie vor zu wünschen ließ. Er spürte, dass Bragors Stimmung ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Bragor wusste mittlerweile eine Menge über die Religion des Mönches und über den Dämon Abzagor. Er weigerte sich so ein Wesen Gott zu nennen. Denn auch wenn es der Mönch nicht direkt gesagt hatte, war Bragor erfahren genug, um auch das nicht Gesagte richtig interpretieren zu können. Und das hatte ihn nur erschreckt und mit Abscheu erfüllt. Denn der Dämon Abzagor forderte Menschenopfer. Das bisher nicht viele geopfert worden waren spielte für Bragor keine Rolle. Er fand Menschenopfer abscheulich, und erst recht die, die glaubten, eine höhere Macht würde ihnen das befehlen.
Ares dagegen beobachtete weiter, er fand es interessant, dass die beiden Mönche, die vorhin die Kerzen angezündet hatten, sich zu ihnen gesellten und sich richtig hinter ihnen aufbauten. Dabei so taten, als würden sie den Ausführungen ihres Mönchsbruders lauschen. Doch ließen sie, weder Bragor noch Ares aus den Augen. Ares genügte ein flüchtiger Blick in die Augen der beiden, um festzustellen, dass diese einerseits keine Gefahr für ihn oder Bragor darstellten, sich anderseits aber stark vorkamen. Er lächelte beiden freundlich zu. Sofort wendeten die beiden den Blick ab, nur um kurze Zeit später wieder auf Ares und Bragor zu starren. Ares amüsierte sich königlich.
„... deswegen, „drang die Stimme des Mönches wieder an sein Ohr, „ist es für uns wichtig loszulassen. Sich keine weltlichen Güter zuzulegen, an nichts zu hängen ...“. Sie erreichten wieder den Ausgang des Tempels, der auf den Marktplatz führte. Der führende Mönch blieb stehen und redete weiter wie ein Wasserfall, „... ich könnte euch noch viel mehr berichten. Von der großen Freude, Abzagor zu dienen, ... aber kommt Freunde, es ist schon spät. Nächtigt hier bei uns im Tempel, esst mit uns trinkt mit uns ...“ erklärte der Mönch mit einem Lächeln.
„Danke, mir steht nicht der Appetit auf Kröte“, unterbrach Bragor den Mönch einfach. Er hatte keine Lust sich weiter versteckte Rechtfertigungen für Menschenopfer anzuhören. Bragor wusste, dass es Zeiten für Höflichkeit gab und Zeiten, in denen man Stellung beziehen musste. Auch störte ihn, dass er ein Raunen hörte, als würden tausend Banshees auf den Tempel zustürmen. War dies Unterstützung für die Mönche hier und sollten Ares und er als nächstes der Kröte geopfert werden? Die Mönche dagegen hörten nur die Beleidigung ihres Gottes und erbleichten. Noch nie war ihnen so etwas passiert. Bragor lächelte noch höflich und sagte provozierend, „noch nie habe ich so einen Schwachsinn über eine dicke, fette Kaulquappe mit einem kaputten Gebiss gehört.“
Das war für die Mönche zu viel. Das war Gotteslästerung. Diese könnte nur auf eine Art gesühnt werden. Blitzschnell griffen alle drei in ihre Gewänder und zogen lange Messer hervor. Mit einem Schrei stürzten sie sich auf Ares und Bragor, zwei Ketzer, die es nicht länger verdient hatten zu leben. Doch darauf hatten beide nur gewartet. Während sich Bragor den Mönch vornahm, der sie geführt hatte, kümmerte sich Ares um die anderen beiden. Den Ersten trat er einfach in den Unterleib, während er dem Zweiten einfach auswich und diesem dann seinen Ellbogen so hart ins Genick schlug, dass es brach. Sofort war er wieder beim ersten Mönch und schickte diesen für immer schlafen. Dann blickte er schnell zu Bragor und sah, wie dieser gerade sein Schwert aus dem Gegner zog.
„Verschwinden wir, ich weiß nicht, was für ein Geräusch das hier ist, aber es gefällt mir gar nicht“, sagte Ares, Bragor nickte zustimmend. Schnell wandten sie sich dem Ausgang zu. Sie erschraken. Zw
ei Orks standen im Ausgang. Und es waren nicht irgendwelche Orks, sondern zwei von Shûkyôs Begleiter, Hideyoshi und Azuchi. Doch es kam noch schlimmer. Eine wütende Menschenmenge, bewaffnet mit Fackeln, Knüppeln und Mistgabeln, stürmte hinter den Orks auf den Tempel zu.
„Jetzt weiß ich wenigstens, was wir gehört haben“, sagte Bragor.
„Und warum es uns nicht gefallen hat“, ergänzte Ares.
„Quatsch nicht so viel“, fuhr Hideyoshi sie an, „die halbe Stadt ist hinter uns her. Die werden bald hier sein, wir sollten besser verschwinden.“
Weder Ares noch Bragor wussten was hier los war, doch sie zögerten nicht länger. Sie rasten mit den Orks hinter sich, über die toten Mönche hinweg, quer durch den Tempel, zum Innenhof. Dort sprinteten sie die Treppe hinauf, bis sie auf dem Dach des Tempels standen. Ares konzentrierte sich nun ganz auf ihre Flucht. Noch hatten ihre Verfolgern nicht mitbekommen, dass sie auf das Dach geflohen waren. Doch die Geräusche, die von unten zu ihnen herauf drangen, zeigten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie es wussten. Ares führte die anderen auf dem Dach entlang, um dann, mit einem größeren Schritt, auf das Dach des benachbarten Hauses zu gelangen. Dort hatten sie noch keine drei Schritte getan, als sie einen gellenden Schrei von der Straße hörten, „dort oben sind sie. Tötetet sie!“

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